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40. Jahrgang Heft 4 April 2017

Editorial
Dr. Heike Oberpichler-Schwenk, Stuttgart, für die MMP-Redaktion


40 Jahre MMP – Jubiläums-Special
Jubiläums-Symposium auf der INTERPHARM

Seit 40 Jahren liefert die MMP fundierte medizinisch-pharmazeutische Fortbildung für Apotheker. Ein großer Dank geht an Sie, unsere Leserinnen und Leser. Viele von Ihnen haben die MMP bereits seit Jahren abonniert. Sie haben unsere Fortbildungsangebote genutzt, Fragen aus der Praxis gestellt und wertvolle Rückmeldungen gegeben. Unser Ziel ist es, die MMP kontinuierlich in Ihrem Sinne weiterzuentwickeln. Wir freuen uns, wenn Sie uns auch weiterhin dabei unterstützen – ob durch Themenvorschläge, konstruktive Kritik oder praxisrelevante Fragen. Und wir laden Sie ein, mit uns den MMP-Geburtstag auf der INTERPHARM am 31. März und 1. April in Bonn zu feiern.



Thomas Herdegen, Kiel
Zur aktuellen Wirksamkeit der antiretroviralen HIV-Therapie

Die antiretrovirale Therapie (ART) ermöglicht HIV-infizierten Menschen ein weitgehend normales Leben. Bei stark supprimierter Viruslast stellt sich die Frage, inwieweit sich auch der Geschlechtsverkehr „normalisiert“ und ungeschützt sein kann (darf). Tatsächlich zeigt die europäische PARTNER-Studie ein sehr geringes Infektionsrisiko unter konsequenter, frühzeitig begonnener und jahrelanger ART mit niedriger Viruslast (<200 RNA-Kopien/ml Blut), begünstigt durch stabile Partnerschaften. Schlechte Compliance und kurzdauernde ART, vermehrte Viruslast sowie häufig wechselnde Partnerschaften erhöhen jedoch das Risiko; der ungeschützte Verkehr ist dann immer noch „unsafe“.

Virus-free and cured? The “ART” of adherence. Current efficacy of anti-HIV therapy

The antiretroviral therapy (ART) enables an almost normal life with HIV infection. Does this also hold true for sexual intercourse, i.e. safe sex without condoms? The European PARTNER-study provides evidence for a very low risk of transmission for condomless sex under optimized conditions such as early, adherent and lasting ART (<200 RNA copies/ml) as well as stable partnerships. The risk of transmission is enhanced with non-compliance or shortlasting (< 6 months) ART, increased HIV-1 RNA load and frequent partnerships.



Christof Weitzel, Kempten

Die Therapie der chronischen Hepatitis-C-Virusinfektion (HCV) war in den letzten Jahren durch die Entwicklung immer neuer Therapeutika und den kombinierten Einsatz derselben geprägt. Mittlerweile scheint das Problem der HCV-Therapie gelöst. Durch die große Anzahl zur Verfügung stehender Therapeutika eröffnen sich die Möglichkeiten einer vollständigen Heilung dieser komplikationsträchtigen Lebererkrankung mit auch volkswirtschaftlichem Nutzen.

Hepatitis C treatment – yesterday, tomorrow and …

During the last years, treatment of chronic hepatitis C virus infection (HCV) was characterized by the development of new therapeutic agents and their combined use. By now the problem of treating HCV seems to be largely solved. The broad range of available therapeutics has the potential to enable a complete cure of this liver disease, which is associated with many complications, thus providing also economic benefits.



Jonas Schmidt-Chanasit und Jessica Tiedke, Hamburg

Der Winter neigt sich langsam seinem Ende und mit den länger und wärmer werdenden Tagen rückt auch die Zeit der Stechmücken näher. In den letzten Jahren häuften sich die Schlagzeilen über den Vormarsch tropischer Infektionskrankheiten, die von Stechmücken übertragen werden. Einige von ihnen gelten als invasive Arten in Europa. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Gesundheitsbehörde (ECDC) setzen nun verstärkt auf die Beobachtung der geographischen Ausbreitung dieser Arten. Im Visier befinden sich vor allem die Asiatische Tigermücke und die Gelbfiebermücke. Parallel wird hierzulande an der Vektorkompetenz heimischer Mückenarten geforscht.

Tropical viruses approaching Europe

During the last years, headlines about the advance of tropical infectious diseases, which are transmitted by mosquitos, become more frequent. Some of these mosquitos are classified as invasive species in Europe. The World Health Organization (WHO) and the European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) are enhancing the observation of the geographical spread of these species. Especially the Asian tiger mosquito and the Yellow fever mosquito are in focus. In Germany the vector competency of domestic mosquito species is investigated.



Übersicht
Marco Weiergräber, Dan Ehninger und Karl Broich, Bonn
Pharmakodynamik des Neuroenhancement und physiologische Grundlagen

Pharmakologisches Neuroenhancement und Mood Enhancement sind sehr stark expandierende, jedoch immer noch zum Teil schwer quantifizierbare und mit einer hohen Dunkelziffer assoziierte Phänomene der modernen Leistungsgesellschaft. Egoistische Interessen im Sinne einer kognitiven Leistungssteigerung sowie emotionalen Stabilität und Anpassungsfähigkeit stehen motivational im Vordergrund der Anwender. Dabei wird vor allem auf Arzneimittel zurückgegriffen, deren Indikationsgebiete im Bereich der Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), der Schlafstörungen und der Demenz liegen. Die Anwendung ist per definitionem off Label. Die vorliegende Darstellung beschreibt zunächst die physiologischen Grundlagen von Vigilanz und Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis sowie Emotionen. Hieran schließt sich eine Darstellung der Pharmakodynamik der wichtigsten Substanzklassen, unter anderem der Purine und Methylxanthine, der Phenylethylamine, des Modafinils, der Nootropika und Antidepressiva an. Angriffspunkte sind insbesondere noradrenerge/dopaminerge und cholinerge Rezeptor- und Transportersysteme. Darüber hinaus sind Interaktionen mit dem Adenosin-, Serotonin- und Glutamatrezeptorsystem von Bedeutung, ebenso die Beeinflussung der Ca2+-Homöostase. Metaanalysen zeigen, dass Wirksamkeit im Indikationsgebiet der verwendeten Pharmaka nicht zwingend mit Neuroenhancement-Effekten bei Gesunden einhergeht. So ist nur bei einigen Phenylethylaminen und Modafinil eine verifizierbare positive Einflussnahme auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis erkennbar. Insbesondere die zukünftige Entwicklung neuer Antidementiva wird die Verfügbarkeit und den potenziellen Missbrauch von Neuroenhancement weiter beflügeln. So sind regulative Maßnahmen und gesellschaftliche Aufklärung zur Wahrung der Ich-Authentizität des Einzelnen, zur Vermeidung eines gesellschaftlichen Anpassungsdrucks und zur Wahrung ethischer Kategorien unerlässlich.

Neuroenhancement and mood enhancement – Physiological and pharmacodynamical background

Pharmacological neuroenhancement and mood enhancement are gaining tremendous importance in society. The main motivation for neuroenhancement and mood enhancement is the anticipated increase in attention and vigilance, better performance in learning and memory and mood stability to meet the complex demands of an exacerbating meritocracy. Most users apply drugs originally designated for attention disorders, sleep disorders or dementia. Application of related drugs in terms of enhancement strategies in healthy individuals is off-label per se, the acquisition and distribution illegal. Here, we first provide an overview of the basic physiological mechanisms underlying vigilance, learning and memory, and emotional states. We then present the different pharmacological classes, i. a. purines and methylxanthines, phenylethylamine, modafinil, nootropics and antidepressants and elaborate their pharmacodynamics profile. Special attention will be paid to the norepinephrine/dopamine and cholinergic receptors and transporter systems but also to functional interaction with adenosine, serotonine and the glutamate receptor systems. Metaanalysis revealed that efficacy reported in, e. g. ADHD or dementia patients cannot be translated to healthy individuals. A validated positive effect on attention and vigilance has only been reported for some phenylethylamines and modafinil. It is likely that new developments, particularly in the field of antidementives will dramatically enhance neuroenhancement and mood enhancement. Drug regulatory actions, public and political discussions are necessary to meet the ethical and legal challenges of neuroenhancement and mood enhancement in the future.



Victoria Johnson, Jörn Schmitt und Christian W. Hamm, Gießen
Aktuelle Leitlinien und Daten zur Versorgungsrealität

Vorhofflimmern ist die häufigste gutartige Herzrhythmusstörung in der Bevölkerung und tritt mit einer Prävalenz von 1 % auf. Beim Vorhofflimmern kommt es zu einer ungerichteten, chaotischen elektrischen Erregung beider Herzvorhöfe mit in der Folge unregelmäßiger, meist schneller Überleitung auf die Herzkammern. Mit höherem Lebensalter steigt die Prävalenz deutlich (Patienten > 80 Jahre ca. 8 %) [12]. Patienten, die an Vorhofflimmern leiden, verspüren häufig Herzrasen und Herzstolpern, eine innere Unruhe und fühlen sich durch den hohen Puls leistungseingeschränkt. Seltener kommt es zu Schwindel, langfristig kann Vorhofflimmern zu Herzschwäche führen. Eine wichtige weitere Komplikation des Vorhofflimmerns ist das Auftreten von Schlaganfällen durch die Entstehung von Blutgerinnseln in den Herzvorkammern [13]. All diese Folgen führen zu einer hohen Hospitalisierungsrate der betroffenen Patienten. In einer Studie mit 10 135 Patienten konnte eindrucksvoll gezeigt werden [13], dass das Vorenthalten einer oralen Antikoagulation mit einer Erhöhung der Gesamtmortalität um 22 % einhergeht.

Stroke prevention in atrial fibrillation – latest guideline recommendations and real world data

Atrial fibrillation (AF) occurs with a prevalence of 1 % in the general population, up to 8 % in patients over 80 years of age and can lead to palpitations, tachycardia, hospitalization for heart failure and stroke. In order to prevent strokes, oral anticoagulation is necessary. In the 2016 guidelines for the management of atrial fibrillation, non vitamin K anticoagulants (NOACs) are preferred among vitamin K anticoagulants due to less severe bleeding, especially intracranial haemorrhage. There is also no longer evidence for antiplatelet therapy in AF. Apart from randomized controlled trials it has been shown in real world data that use of NOACs is safe and feasible. NOACs are not indicated in patients with mechanical valve replacement and valvular atrial fibrillation. Since November 2015 the first specific antidote for dabigatran is available in Germany, a factor Xa antidote (apixaban, rivaroxaban, edoxaban) is being tested in a phase III study.



Klinische Pharmazie
Thilo Bertsche, Susanne Schiek, Martina P. Neininger und Roberto Frontini, Leipzig
Interdisziplinäre Konzepte am Leipziger Zentrum für Arzneimittelsicherheit

Am Leipziger Zentrum für Arzneimittelsicherheit (ZAMS) wird geforscht, wie die Arzneimittelverordnung und -anwendung unter Routinebedingungen effektiver und risikoärmer gemacht werden kann. Das Zentrum ist ein Verbund der Universität und des Universitätsklinikums Leipzig. Initiiert wurde es von zwei Apothekern: Professor Dr. Thilo Bertsche aus der Klinischen Pharmazie des Instituts für Pharmazie und Dr. Roberto Frontini aus der Klinikapotheke. Mit interdisziplinären Konzepten lösen Apotheker des ZAMS arzneimittelbezogene Probleme und beugen erfolgreich Medikationsfehlern vor. Pharmaziestudierende sind bereits früh im Studium in diese Konzepte eingebunden. Schnittstellenübergreifende Projekte stehen besonders im Fokus. Die Einbindung von Hausärzten und Pharmazeuten aus öffentlichen Apotheken soll dazu weiter intensiviert werden.



Fortbildung Wissensbasierung
Iris Hinneburg, Halle (Saale)
ROBINS-I-Checkliste für die Überprüfung des Verzerrungspotenzials

Systematische Verzerrungen (Bias) gefährden die interne Validität von klinischen Studien. Deshalb ist es wichtig, das Verzerrungspotenzial einer Studie explizit zu bewerten, bevor man sich auf die Ergebnisse verlässt. Eine Arbeitsgruppe der Cochrane Collaboration hat mit ROBINS-I ein Tool für die Bewertung nichtrandomisierter Interventionsstudien entwickelt.



Referiert & kommentiert
Prof. Dr. Eugen J. Verspohl, Münster
Migränepatienten sind verstärkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgesetzt

Der Zusammenhang zwischen Migräne, vor allem einer solchen mit Aura, und Schlaganfällen ist schon lange bekannt. Inzwischen mehren sich die Belege, dass sich das erhöhte Risiko auch auf kardiovaskuläre Komplikationen erstreckt. Eine neue Untersuchung hatte das Ziel, einen Zusammenhang zwischen Migräne und der Häufigkeit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung beziehungsweise der kardiovaskulär bedingten Todesrate zu untersuchen.



Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen
Welche werden zu Notfällen?

Die Prävalenz für das Aufsuchen einer Notfallambulanz aufgrund einer Arzneimittelnebenwirkung wurde in den USA für die Jahre 2013 und 2014 landesweit auf 4 pro 1000 Personen jährlich geschätzt. Zu den am häufigsten involvierten Arzneimittelklassen gehörten Antikoagulanzien, Antibiotika, Antidiabetika und Opioidanalgetika.



Dr. Larissa Tetsch, Maisach
Bispezifischer Antikörper als „Trojanisches Pferd“ gegen Ebola-Viren

Ebola-Viren verursachen immer wieder Ausbrüche eines oft tödlich endenden hämorrhagischen Fiebers. Als Ziel für eine Schutzimpfung prädestiniert ist die bei allen Filoviridae gleiche Interaktion zwischen einem viralen Oberflächen-Glycoprotein und einem Membranrezeptor der Wirtszellen. Allerdings wird die Rezeptorbindestelle erst nach der endozytotischen Aufnahme der Viren zugänglich. Ein Antikörper mit zwei verschiedenen Spezifitäten kann durch die Bindung an ein oberflächenexponiertes Epitop des Glycoproteins zusammen mit dem Virus ins Endosom gelangen, dort dessen Rezeptorbindestelle maskieren und so die Interaktion mit dem Rezeptor verhindern.



Helga Vollmer, M.A., München
Belastungsinkontinenz bei Männern

Die Belastungsinkontinenz bei Männern ist in den meisten Fällen Folge einer radikalen Prostataoperation. Zur Behandlung der Belastungsinkontinenz stehen neben Basismaßnahmen wie Beckenbodentraining auch verschiedene invasive Verfahren zur Verfügung. Der State of the Art wurde beim 27. Jahreskongress der Deutschen Kontinenzgesellschaft diskutiert.



Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg
Metaanalyse: Diclofenac am besten geeignet

Welches nichtsteroidale Antiphlogistikum ist das beste Schmerzmittel für Patienten mit Knie- und Hüftgelenkarthrose? Eine vernetzte Metaanalyse zeigt: Diclofenac in einer Dosierung von 150 mg täglich. Bei der Empfehlung müssen allerdings Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-System berücksichtigt werden, sodass eine Beratung in jedem Fall sinnvoll ist.



Dr. Bettina Krieg, Stuttgart
Ärztinnen behandeln erfolgreicher

Ältere Menschen haben eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, wenn sie auf einer internistischen Station von einer Ärztin behandelt werden. Zu diesem Ergebnis kam eine US-amerikanische Beobachtungsstudie.